Viele Interessierte waren gekommen, um beim vierten und damit letzten Kunstspaziergang der 19. Kunstmeile Baumschulenweg noch einmal die unterschiedlichen Ausstellungsorte und die dort präsentierten Arbeiten kennenzulernen. Der Spaziergang führte uns durch verschiedene Räume und Schaufenster im Stadtteil. Dabei wurde wieder deutlich, wie vielfältig die künstlerischen Positionen sind, die während der Kunstmeile zusammenkommen.

1. Station – Gemeindezentrum: „Dies und Das – Alles in Kreide“
Den Auftakt machte die Ausstellung „Dies und Das – Alles in Kreide“ von Manfred Reichel, Jahrgang 1947. Reichel wurde in Marienberg im Erzgebirge geboren und lebt heute in Berlin-Plänterwald. Sein erlernter Beruf ist Elektriker. Nach 55 Jahren im Schuldienst ist er inzwischen Rentner. Zu seinen bisherigen Ausstellungsorten gehören unter anderem Glauchau, Crimmitschau, die Christuskirche Oberschöneweide, die Kirche zum Vaterhaus und der Kiezklub Baumschulenweg. Manfred Reichel nahm sich Zeit, seine Arbeitsweise zu erklären. Im Gespräch ging es um Landschaften und Stillleben und darum, wie seine Motive entstehen. Besonders angesprochen haben mich seine Birnen sowie die Darstellung der Elbe mit Blick vom Königsstein. Eine besondere Atmosphäre entstand zusätzlich durch die Pianistin, die im Raum klassische Musik spielte. Die spontane musikalische Einlage wurde von den Besucherinnen und Besuchern mit Applaus aufgenommen.


Tower in Neuköln in der Bauphase, 2025

2. Station – Jugendclub: Kunst im Graffiti-Stil
Weiter ging es in den Jugendclub. Hier wurden Arbeiten in einem Graffiti-inspirierten Stil gezeigt. Auffällig sind die kräftigen Farben und die ungewöhnlichen Formen. Manche Motive könnten durchaus als Inspiration für einen Modedesigner dienen. Es sind Bilder, die aus ihrer eigenen Dynamik heraus zu entstehen scheinen. Der Künstler beschreibt sich selbst als Landstreicher und Vagabund, der gerne Gesichter malt und auch andere Dinge, die ihm gerade in den Sinn kommen. Seine Kunst versteht er als Möglichkeit, sich selbst und die Welt um ihn herum besser zu verstehen. Dabei arbeitet er meist intuitiv, „aus dem Bauch heraus“.
Sein Motto lautet: „Ich mal mir die Welt, sowie sie mir gefällt.“


Zu seinen künstlerischen Vorbildern zählen Jean-Michel Basquiat und Jackson Pollock. Auch das Reisen ist für ihn eine wichtige Inspirationsquelle. Geboren und aufgewachsen im Herzen des Ruhrgebiets, fühlt er sich heute in Berlin-Baumschulenweg zu Hause. Dort hat er sich in seinen eigenen vier Wänden ein Atelier eingerichtet und kann seiner Kreativität freien Lauf lassen.
3. und 4. Station – Kunst im Schaufenster
An den Stationen drei und vier begegneten uns die Kunstwerke in einer anderen Form: im Schaufenster. Gerade diese Präsentationsform macht deutlich, dass Kunst nicht nur in Galerien und Ausstellungsräumen stattfinden muss. Sie kann mitten im Alltag auftauchen, Passanten überraschen und zum kurzen Stehenbleiben einladen.
5. Station – Behringcafé
Im Behringcafé erwartete uns eine weitere Präsentation mit Arbeiten des Künstlers, dessen intuitive und expressive Arbeitsweise bereits im Jugendclub zu sehen war. Besonders angesprochen hat mich ein Landschaftsgemälde mit zwei Personen, die auf einer Felskante sitzen und gemeinsam in eine weite Berglandschaft schauen. Die warmen Ocker- und Orangetöne der Felsen stehen den kühlen Blau- und Grüntönen der Landschaft gegenüber. Die beiden Personen bilden einen ruhigen Mittelpunkt des Bildes. Dadurch entsteht ein starker Eindruck von Weite und gemeinsamer Betrachtung.
Das Bild zeigt für mich nicht nur eine Landschaft, sondern auch einen Moment des Innehaltens: Zwei Menschen sitzen nebeneinander und schauen hinaus in eine große, offene Welt.
6. Station – Klaus König: vom Gebrauchswerber zum Künstler
Ein besonderer Ort des Spaziergangs war der Besuch im Senioren-Club. Hier stellt Klaus König vom Kunstverein Treptow aus. König berichtete über seinen künstlerischen Weg – von der Ausbildung und seiner Arbeit als Gebrauchswerber, Requisiteur, Plakatmaler und Ausstellungsgestalter bis hin zu seiner Entwicklung als freischaffender Künstler. Seine Ausbildung und seine verschiedenen beruflichen Tätigkeiten haben seine künstlerische Arbeit geprägt. Er absolvierte unter anderem ein Abendstudium „Naturstudium“ an der Fachschule für Werbung und Gestaltung Berlin und studierte anschließend Malerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Auch als Glasgestalter arbeitete König viele Jahre freischaffend. Glasgestaltungen von ihm befinden bzw. befanden sich unter anderem in Kirchen, Rathäusern, Hotels, Krankenhäusern und weiteren öffentlichen und privaten Einrichtungen.
Seine Malerei
Im Gespräch ging es auch um seine Malweise und die Einflüsse, die ihn geprägt haben. Lyonel Feininger gehört dabei zu den Künstlern, die für seine Entwicklung eine Rolle spielen. Besonders spannend ist, dass sich in seiner Biografie immer wieder die Verbindung von Gestaltung, Handwerk und freier Kunst findet. Zwei Arbeiten aus dem Jahr 2004 konnten wir ebenfalls dokumentieren:

„Wüstenfestung Chiva“, Disp. / Acryl, 2004


„Weg auf Santorini“, Disp. / Acryl, 2004

Klaus König ist mit dem Ratz-Fatz übrigens schon lange verbunden. In seiner Vita finden sich Einzelausstellungen im Ratz-Fatz Treptow 2005, 2015 und 2017. Damit schließt sich ein interessanter Kreis zwischen seiner früheren Ausstellungstätigkeit und der heutigen Kunstmeile.
7. Station – Kulturhaus Baumschulenweg: Gisela Al Amily
Die letzte Station führte in das Kulturhaus Baumschulenweg. Hier wurde auf die Künstlerin Gisela Al Amily (1936–2017) aufmerksam gemacht.


Die Website www.gisela-al-amily.de wurde anlässlich ihres 90. Geburtstages im März 2026 online gestellt und widmet sich dem Leben und Werk der Malerin. Besonders interessant ist die Verbindung von Bildern, persönlichen Texten, Audioaufnahmen und kommentierten Fotografien. Dadurch entsteht nicht nur eine Präsentation ihrer Kunst, sondern ein Zugang zur Persönlichkeit und Gedankenwelt der Künstlerin. Die ausgestellten Arbeiten zeigen Menschen in unterschiedlichen Alltagssituationen. Figuren und Gruppen stehen im Mittelpunkt. Die Bilder wirken erzählerisch und verbinden eine expressive Malweise mit Beobachtungen aus dem gesellschaftlichen und persönlichen Umfeld. Warme, erdige Farben treffen auf kräftige Rot-, Blau-, Gelb- und Grüntöne. Viele der kleinen Szenen wirken wie eingefangene Augenblicke aus dem Leben: Menschen sitzen zusammen, feiern, begegnen sich oder beobachten einander. Gerade diese Verbindung von Porträt, Alltagsszene und gesellschaftlicher Beobachtung macht die Arbeiten interessant.
Ein Spaziergang durch die Vielfalt der Kunst
Der vierte Kunstspaziergang hat noch einmal gezeigt, was die 19. Kunstmeile Baumschulenweg ausmacht: unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler, verschiedene Techniken und ganz persönliche Zugänge zur Kunst. Vom Zeichnen mit Kreide über expressive, graffitiartige Arbeiten und erzählerische Figurenbilder bis zur Landschaftsmalerei und zur langen künstlerischen Entwicklung von Klaus König reichte das Spektrum. Dabei sind es nicht nur die Bilder selbst, die einen solchen Kunstspaziergang interessant machen. Die Gespräche mit den Künstlerinnen und Künstlern geben den Arbeiten eine zusätzliche Dimension. Man erfährt, wie ein Bild entsteht, was einen Menschen zum Malen bewegt und welche Erfahrungen hinter einem Werk stehen. Mit diesem vierten Spaziergang geht die 19. Kunstmeile Baumschulenweg nun ihrem Ende entgegen. Ein herzliches Dankeschön gilt allen Künstlerinnen und Künstlern, den beteiligten Einrichtungen, den Organisatoren und natürlich allen Besucherinnen und Besuchern, die sich auf den Weg gemacht, geschaut, gefragt und miteinander über Kunst gesprochen haben.
Kunstmeile bedeutet auch: stehen bleiben, hinschauen und miteinander ins Gespräch kommen. Und genau das hat auch dieser letzte Kunstspaziergang wieder möglich gemacht.
E.H., 01.10.2026
