Naturblicke – wenn Blumen zu Menschen und Steine zu Geschichten werden

Eine Einladung von Anni Kaufhold führte mich am 18. September zur Vernissage der Ausstellung „Naturblicke“ in die Mittelpunktbibliothek Köpenick. Anni ist Mitglied des Kunstvereins und Initiatorin der Cöpenicker Zeichenstunde, die sich seit sieben Jahren regelmäßig zum gemeinsamen Zeichnen trifft. Schon am Nachmittag hatte sich Werner Laube die Ausstellung angesehen. Am Abend wurde ich freundlich begrüßt – und schnell war zu spüren: Das wird kein stiller Bibliotheksabend. Viele Besucher waren gekommen, um die Arbeiten zu sehen und vor allem auch die Menschen dahinter kennenzulernen.

Musik stimmt auf den Abend ein

Pünktlich um 19 Uhr begann die Vernissage mit Matthias Wiesenhütter und seiner Gitarre. Mehrere Konzertstücke begleiteten die Eröffnung. Die Musik schuf eine besondere Atmosphäre. Sie stimmte auf die Ausstellung ein und hatte etwas Berührendes – gerade im Zusammenhang mit dem Titel „Naturblicke“. Für einen Moment war die Bibliothek weniger Ausstellungsraum als ein Ort, an dem Musik, Kunst und Menschen zusammenkamen. Wer einen Eindruck von der Musik bekommen möchte, kann hier in ein Musikbeispiel von Matthias Wiesenhütter hineinhören: Musikbeispiel auf YouTube.


Plakat zur Ausstellung

Naturblicke   Matthias Wiesenhüter 1
Musik: Matthias Wiesenhütter / Gitarre

Anschließend begrüßte Beate Lenke aus dem Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen der Bibliotheken die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Zeichenstunde. Sie bedankte sich bei Matthias Wiesenhütter für die musikalische Einstimmung und wünschte der Ausstellung viel Erfolg. Ich kenne Frau Lenke schon seit mehreren Jahren und weiß, mit wie viel Engagement sie Veranstaltungen und Lesungen organisiert. Auch diesmal war ihre Begrüßung ein schöner Auftakt für einen besonderen Abend.

Naturblicke   Frau Lenke  1
Beate Lenke eröffnet die Vernissage

Naturblicke   Laudation   Stefka Ammon 1
Laudatio: Stefka Ammon

Eine Zeichenstunde wird zum Begegnungsort

Die Laudatio hielt Stefka Ammon. Sie ist selbst Künstlerin, lebt in der Köpenicker Altstadt und war bereits 2019 bei der ersten Zeichenstunde dabei. In ihrer Rede ging es deshalb nicht nur um die ausgestellten Bilder. Im Mittelpunkt stand auch die Idee hinter der Cöpenicker Zeichenstunde: Seit 2019 treffen sich Menschen regelmäßig zum gemeinsamen Zeichnen. Dabei geht es nicht um eine perfekte Technik oder darum, wer bereits künstlerische Erfahrungen besitzt. Es geht um die Freude am Zeichnen, um Beobachtung, Austausch und gegenseitige Inspiration. Alter, Vorkenntnisse oder sprachliche Unterschiede werden dabei nicht zum Hindernis. Die Zeichenstunde ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen. Und genau darin lag für mich der wichtigste Gedanke ihrer Rede:

Kreativität verbindet Menschen. Sie schafft Begegnung, neue Kontakte und kann Gemeinschaft entstehen lassen.

Damit bekam die Ausstellung für mich eine Bedeutung, die über die einzelnen Bilder hinausging.

Wenn Blumen zu Menschen werden

Besonders interessant wurde es, als Annelie Streit selbst über ihre Arbeiten sprach. Sie erklärte, wie ihre Blumenzeichnungen entstehen. Zunächst zeichnet sie die Blumen. Erst während des Zeichnens oder beim anschließenden Betrachten entdeckt sie Beziehungen zwischen ihnen. Eine Gruppe von drei Blumen kann plötzlich zu drei Freundinnen werden: Zwei stehen enger beieinander, eine bleibt etwas abseits. Andere Blumen erinnern an eine Beziehung zwischen zwei Menschen. Die Blumen werden zu Menschen. Sie stehen beieinander, wenden sich einander zu oder bleiben etwas abseits. Beim Betrachten ihrer Bilder spürt man diese Beziehungen. Aus der Blume wird ein menschliches Gegenüber – und aus der Beobachtung der Natur eine ganz persönliche Geschichte über Nähe und Zuneigung. Annelie hat ihre Arbeiten unter das Thema „Zuneigungen“ gestellt. Ihr eigener Satz dazu bringt diesen Gedanken wunderbar auf den Punkt:

„Die Blume trägt es in sich, ich muss es fühlen, erkennen und gestalten.“

Beim Betrachten ihrer Bilder konnte ich diesen Gedanken tatsächlich nachvollziehen. Man schaut nicht mehr nur auf Blumen – man beginnt, zwischen ihnen Beziehungen zu entdecken.

Naturblicke   Reden   Annelie   Anni   Nicole 1
Annelie Streit, Anni Kaufhold und Nicole Schade-Kohnert sprechen über ihre Bilder in der Ausstellung

Naturblicke   Tamara Schwieger   Rede
Tamara Schwieger spricht über ihre Kunstwerke

Natur beobachten – Natur festhalten

Auch Nicole Schade-Kohnert erzählte von ihren Naturerlebnissen und Beobachtungen. Ihre Eindrücke aus der Natur finden ihren Weg in ihre Skizzen. Ihre Fotografien einer Ricke und ihres Rehkitz hatte ich bereits bei der Leinenausstellung in Waldland bewundern können. In der aktuellen Ausstellung begegnete mir nun das Rehkitz wieder – diesmal als Zeichnung. Besonders sein offener, neugieriger Blick ist mir dabei im Gedächtnis geblieben.

Anni Kaufhold – die Initiatorin

Anni Kaufhold bedankte sich für die Möglichkeit, die Arbeiten der Zeichenstunde in dieser Ausstellung zeigen zu können. Von ihr waren an verschiedenen Wänden der Bibliothek zahlreiche Tierzeichnungen zu sehen. Besonders die Pferde sind ein wiederkehrendes Motiv ihrer Arbeit. Dabei handelt es sich nicht um irgendwelche Pferde: Anni zeichnet Pferde, die in Brandenburg leben – nicht in der Camargue. Eines ihrer Pferdebilder hat sogar seinen Weg in den Kunstkalender des Kunstvereins gefunden.

Anni ist die Initiatorin der Cöpenicker Zeichenstunde. Unter ihrer Anleitung ist aus einer gemeinsamen Idee vor sieben Jahren eine regelmäßige Begegnung geworden, bei der bis heute gemeinsam gezeichnet und sich ausgetauscht wird.

Ein Stockwerk höher: Die Steine erzählen ihre Geschichten

Im Anschluss lud Tamara Schwieger die Besucher ein, ihre Skulpturen im oberen Geschoss anzusehen.

Jede einzelne Skulptur hat ihre eigene Geschichte. Bei einem Torso blieb mein Blick besonders lange hängen. Er erinnerte mich sofort an einen Stein, den ich 1992 aus der Provence mitgebracht hatte und der ebenfalls wie ein weiblicher Torso aussieht. Bei Tamara Schwieger geht es darum, das im Stein bereits Angelegte wahrzunehmen. Sie lässt gewissermaßen den Stein mitentscheiden. Nicht die Künstlerin zwingt dem Material eine beliebige Form auf – die Form, Struktur und Eigenheiten des Steins geben Impulse für die weitere Bearbeitung. Mich fasziniert dieser Gedanke: Die Künstlerin legt etwas frei, das bereits im Material verborgen zu sein scheint, und bewahrt dabei den Ursprung des Steins. Auf ihrer Website zeigt Tamara Schwieger unter anderem Skulpturen aus den Jahren 2025/2026. Die aktuelle Ausstellung verbindet sie mit den Arbeiten der Cöpenicker Zeichenstunde.

„We love Art“ – ein Blick hinter die Kulissen

Mein Blick fiel auch auf die ausgelegten Bücher von Tamara Schwieger. Im Gespräch erzählte sie mir, wie viel Zeit und Arbeit in diesen Büchern steckt – insbesondere in jeder einzelnen Collage. Für mich waren diese Bücher deshalb mehr als eine zusätzliche Präsentation. Sie geben einen Einblick in ihre Art zu denken, zu sammeln und Bilder miteinander in Beziehung zu setzen. Das Art Journal „We love Art“ zeigt diese Seite ihrer künstlerischen Arbeit sehr unmittelbar. Die Bücher werden damit zu einer Art visueller Werkstatt. Für mich entstand dabei sogar eine überraschende Verbindung zu unserer eigenen aktuellen Ausstellung „HERZ-Los!“ im Kulturzentrum Schöneweide Ratz-Fatz. Auch dort geht es um das Zusammenspiel von Bild, Gedanken und persönlicher Wahrnehmung.

Eine Ausstellung, die Begegnungen schafft

Je länger ich mich in der Ausstellung bewegte, desto deutlicher wurde für mich, wie unterschiedlich die Künstlerinnen und Künstler das Thema „Naturblicke“ interpretiert haben. Die einen beobachten Tiere und Pflanzen. Andere entdecken in Blumen menschliche Beziehungen. Tamara Schwieger findet in Steinen Formen und Geschichten. Und doch gibt es eine Gemeinsamkeit: Es geht um den persönlichen Blick. Nicht die Natur allein ist das Thema, sondern das, was wir in ihr entdecken. Besonders schön war für mich deshalb auch das Gespräch mit Annelie Streit. Ihr Text zu den „Zuneigungen“ hat mich sehr angesprochen. Beim anschließenden Betrachten ihrer Blumenbilder wurde deutlich, wie unmittelbar sich dieser Gedanke in ihren Arbeiten wiederfindet.

Kunst braucht Begegnung

Für mich hat diese Vernissage noch eine andere Seite gezeigt.

Kunst entsteht nicht nur im Atelier und wird anschließend an einer Wand aufgehängt. Kunst braucht Begegnung. Gespräche über Bilder, persönliche Geschichten und der Austausch zwischen Künstlern und Besuchern gehören für mich genauso zu einer Ausstellung. Auch der Kunstverein war an diesem Abend am Rande präsent. Der Kunstkalender wurde angeboten – und fünf Kalender fanden neue Besitzer. Ein Satz eines Besuchers ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben: „Die Bilder und die Qualität sind toll.“ Genau solche Begegnungen machen eine Vernissage wertvoll. Man kommt wegen der Kunst – und geht mit neuen Eindrücken, Gesprächen und manchmal auch neuen Kontakten nach Hause.

Ein gelungener Abend

Anni Kaufhold hat die Ausstellung sehr schön kuratiert. Die Arbeiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Cöpenicker Zeichenstunde und die Skulpturen von Tamara Schwieger nähern sich dem Thema „Naturblicke“ auf ganz unterschiedliche Weise. Für mich war es deshalb ein rundum gelungener Abend: Musik, Kunst, Gespräche und vor allem Menschen, die ihre Begeisterung für das Zeichnen und die Kunst miteinander teilen. Und vielleicht ist genau das die schönste Botschaft dieser Ausstellung:

Kunst macht sichtbar, was wir sehen – und manchmal auch, was wir fühlen.

EH., 19.09.2026
Fotos von Cornelia Abel und Egon Höcker