Mit dem Fahrrad zwischen Ateliers, Feldern und Geschichten unterwegs
In Bearbeitung!

Eigentlich sollte meine Fahrradtour zu Himmelfahrt stattfinden. Zum Glück fiel sie ins Wasser. Denn dadurch konnte ich am Sonnabend die Kunst-Loose-Tage im Oderbruch besuchen – eine Einladung der Künstlerin Johanna Martin aus Oderberg, die ich gern annahm.

Mit der Regionalbahn ging es zunächst nach Letschin. Von dort aus fuhr ich mit dem Fahrrad durch das Oderbruch – vorbei an Alleen, weiten Feldern und alten Gehöften. Schon die Landschaft wirkte wie ein großes Gemälde: sattgrüne Getreidefelder, leuchtend gelber Raps und immer wieder stille Orte mit besonderer Ausstrahlung.

Atelier 42

Mein erster Halt war der Infopunkt in der Wilhelmsauer Fachwerkkirche. Hier konnten sich die Besucher einen Überblick über die 52 beteiligten Ateliers verschaffen.

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Gleichzeitig stellten die Grenzlandfotografen ihre Arbeiten aus. Zu sehen waren unter anderem Stefan Hessheimers Serie „Energie“, Michael Ankers „Samsara – der ewige Kreislauf“, Arbeiten von Malte Patriok aus der Serie „Land unter Spannung“ sowie Falk Wielands „Bruchkraft“.

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Die Fotografien waren spannend und abwechslungsreich. Gleichzeitig fragte ich mich, warum es nur wenige fotografische Arbeiten direkt über das Oderbruch selbst zu sehen gab. Themen wie das Leben im Oderbruch oder die Beziehung zwischen Oderbruch und Warthebruch hätten mich besonders interessiert.

Atelier 52

Weiter ging es mit dem Fahrrad zum Atelier 52 von Holger Rüdrich. Seine Arbeiten aus Schmiedeeisen und Holz beeindruckten mich sofort. Vor dem Atelier waren zahlreiche Exponate aufgebaut: alte Zapfsäulen, Bilderrahmen aus Blech mit historischen Fotografien, skurrile Wächterfiguren und Objekte aus Eisen und Holz. Besonders spannend fand ich die umgebauten Drehbänke, die heute als Schreibtische genutzt werden. Alles wirkte rau, kraftvoll und gleichzeitig voller Humor.

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Atelier 12

Danach fuhr ich zum Atelier 12 von René Arnold und Alabaster Becher. Das Gelände lag etwas abseits. Gerade diese abgeschiedene Lage machte den Besuch besonders eindrucksvoll. Einzelgehöfte, weite Felder und die Ruhe des Oderbruchs schufen eine fast meditative Atmosphäre.

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In einem umgebauten Stall wurden großformatige Fotografien von Arnold gezeigt – Menschen gemeinsam mit ihren Haustieren. Ausdrucksstarke Bilder voller Nähe und Persönlichkeit. Besonders interessant fand ich die Arbeiten von Alabaster Becher. Er erzählte, dass er alte Fotografien auf Trödelmärkten kauft und daraus Collagen entwickelt. Mit Textfragmenten, Farbschnipseln und neuen Zusammenstellungen entstehen völlig neue Geschichten. Erinnerungen werden wach, und jeder Betrachter entdeckt eigene Gedanken darin.

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Auf dem Gelände hing außerdem eine lange Wäscheleine voller Kinderzeichnungen. Eine wunderbare Idee. Kinder spielten zwischen den Bildern, während Erwachsene innehielten und schauten. Eine Zeichnung gefiel mir besonders: „Kunterbunte Welt“ von Margarethe. Form und Inhalt überzeugten mich sofort. Da wir bald selbst eine Kinderausstellung organisieren, nahm ich viele Anregungen mit nach Hause.

Atelier 28

Ein kurzer Halt führte mich zu einer Keramikausstellung im ehemaligen Schulhaus von Ortwig. Ein gedeckter Tisch mit unterschiedlichsten Gefäßen zog sofort die Aufmerksamkeit auf sich. Die Arbeiten wirkten schlicht und zugleich sehr harmonisch. Obwohl ich nicht lange blieb, nahm ich die ruhige Atmosphäre des Ortes mit.

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Atelier 43

Besonders begeistert hat mich das Atelier 43 von Uwe Mücklausch und Jana Köhler. Die Motive aus der Lausitz, dem Oderbruch und Lateinamerika strahlten große Ruhe aus. Ich kaufte eine kleine Postkarte mit einer Weidenlandschaft, die mich sofort an das Oderbruch erinnerte.

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Noch spannender waren seine Skizzenbücher. Hier konnte ich viel darüber lernen, wie Beobachtungen, Reisen und spontane Eindrücke festgehalten werden können. Man spürt in seinen Arbeiten den Blick des Architekten: klare Linien, durchdachte Kompositionen und eine besondere Aufmerksamkeit für Räume und Landschaften. Einige Stillleben erinnerten mich an den Stil von Paul Cézanne.

Atelier 15

Ein weiterer Höhepunkt war für mich das Atelier 15 von Antje Scholz. Schon der Kunsthof beeindruckte mich. Vor dem Haus standen Tische, Besucher saßen zusammen, es wurde Wein ausgeschenkt, und die Künstlerin begrüßte jeden Gast persönlich.

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Ihre Ausstellung verband Malerei, Installation, textile Arbeiten, Skizzen, humorvolle Zeichnungen und Teppichkunst.

Besonders berührt hat mich das Bild „Kassandra“. Das Porträt einer jungen Frau mit weit geöffneten Augen zog mich sofort in seinen Bann. Ihr Blick wirkte wach, verletzlich und zugleich voller innerer Spannung. Die Hände erschienen tastend und unsicher, beinahe schutzlos. Unterhalb der hellen Gesichtsfläche tauchte wie aus einer zweiten Wirklichkeit ein verzerrtes Gesicht auf – ein stummer Schrei voller Schmerz und Verzweiflung. Dadurch entstand der Eindruck einer Doppelbelichtung, als würden zwei Ebenen gleichzeitig sichtbar werden: die äußere Ruhe und ein verborgenes inneres Leid.
Der dunkle Hintergrund verstärkte diese Wirkung noch. Die junge Frau schien aus der Dunkelheit herauszutreten und den Betrachter direkt anzusehen. Das Bild ließ mich nicht los. Vielleicht gerade deshalb, weil es keine eindeutige Geschichte erzählt, sondern Raum für eigene Gedanken und Gefühle offenlässt.
Der Titel „Kassandra“ passt dabei auf eindrucksvolle Weise. In der griechischen Mythologie erkennt Kassandra die Wahrheit, wird aber von niemandem gehört. Genau dieses Gefühl von Wissen, Einsamkeit und innerer Zerrissenheit glaubte ich in diesem Bild wiederzufinden. [Bild zusehen auf der Homepage von Antje Scholz.]

Schade, dass mir die Zeit fehlte, länger zu verweilen und die Ausstellung noch intensiver auf mich wirken zu lassen.

Atelier 17

Zum Abschluss besuchte ich Atelier 17 mit Karola Wirth, Dorothée Irene Müller und Sander Bartel. Mich empfing ein lebendiger Kunsthof mit vielen Tischen und Gästen. Ich kam mit einer Keramikkünstlerin ins Gespräch und war beeindruckt von ihrer Vita und ihrer Leidenschaft für das Handwerk. 

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Eigentlich hätten am Abend noch weitere Veranstaltungen stattgefunden, doch dafür reichte meine Zeit leider nicht mehr. Stattdessen ließ ich mir eine Fettbrot-Bemme schmieren, trank ein Glas Wasser und genoss einen Moment der Ruhe.

Friedenssymbolik

Auf meinem weiteren Weg fiel mir auf, wie präsent Friedenssymbolik im Oderbruch ist. Friedenstauben, Mahntafeln gegen Krieg und Symbole wie „Schwerter zu Pflugscharen“ begegneten mir immer wieder. Vielleicht liegt gerade in dieser stillen Landschaft ein besonderes Bedürfnis nach Frieden und Erinnerung.

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(Kultur-)Netzwerken

Während der Gespräche mit den Künstlerinnen und Künstlern erwähnte ich immer wieder unseren Kunstverein Treptow e.V. und die Arbeit im Ratz-Fatz Kulturzentrum Schöneweide. Schnell entstanden spannende Ideen für zukünftige Projekte. Besonders das Oderbruch mit seiner besonderen Landschaft und den zahlreichen Ateliers bietet ideale Möglichkeiten für gemeinsame Pleinairs, Zeichen- und Fotoworkshops oder thematische Begegnungen zwischen Künstlern aus Berlin und Brandenburg.

Viele Künstler interessierten sich dafür, welche Möglichkeiten es in Schöneweide gibt, eigene Arbeiten auszustellen. Ich berichtete von den Ausstellungen im Kulturzentrum, den Vernissagen mit Publikum und den unterschiedlichen Formaten, die dort möglich sind – von Malerei und Grafik über Fotografie bis hin zu thematischen Gemeinschaftsausstellungen. Gerade die offene Atmosphäre und die Begegnungen mit Besuchern machen den Reiz solcher Ausstellungen aus.

Die Gespräche zeigten mir erneut, wie wichtig persönliche Kontakte zwischen Künstlern, Kulturorten und Initiativen sind. Oft entstehen aus einer einfachen Unterhaltung neue Ideen, Kooperationen oder sogar zukünftige Ausstellungen. Genau diese Offenheit und Gastfreundschaft habe ich während der Kunst-Loose-Tage überall gespürt.

Fazit

  • Die Kunst-Loose-Tage haben mir erneut gezeigt, wie wichtig solche kulturellen Veranstaltungen in Brandenburg sind. Kunst begegnet einem hier nicht im sterilen Ausstellungsraum, sondern mitten im Leben – zwischen alten Scheunen, Gärten, Feldern und Gesprächen.
  • Für das nächste Jahr planen wir wahrscheinlich einen ganzen Urlaubstag ein, um die Vielfalt des Angebots noch intensiver erleben zu können. Außerdem habe ich viele Inspirationen mitgenommen: Kinderzeichnungen an Leinen präsentieren, Skizzenbücher kreativer gestalten und bei Atelierbesuchen unbedingt Visitenkarten dabeihaben.
  • Mein Dank gilt allen Künstlerinnen und Künstlern für die offenen Gespräche und die große Gastfreundschaft. Ebenso danke ich den Organisatoren der Kunst-Loose-Tage für diese wunderbare Einladung ins Oderbruch.

Weitere Informationen zu den Kunst-Loose-Tagen gibt es auf
kunst-im-oderbruch.de

Egon Höcker, 17.05.2026

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